Herausgefordert

Der Einzelne, sein Staat, die global vernetzte Welt – sie sind bei der Coronavirus-Pandemie gefordert auf allen Ebenen des Lebens. Und nicht weniger hinterfragt wird der gläubige Mensch und die Kirche.

Liebe Gemeindemitglieder,

auch ich fühle mich herausgefordert und frage gerade als Pfarrer zweifelnd nach dem Sinn von manchem, was ich um mich wahrnehme. Die ersten Tage verlangten organisatorische und praktische Regelungen. Zunehmend wurde die Tragweite sichtbar, die das Coronavirus nach sich zieht. Die Gefährlichkeit für einzelne Menschen ist nicht mehr zu übersehen. Das öffentliche Leben wird zurück-gefahren, manche beiseitegelegten oder gar vergessenen Aktivitäten wie das Beten kommen wieder in den Blick. Provokant erscheint die Situation: die Gottesdienste werden sachgerecht und aus Verantwortung abgesagt, die Erwartung von oder der Ruf nach göttlicher Hilfe verstärkt.

Natürlich ist es urmenschlich in der Not und insbesondere in Lebensgefahr nach einem Stärkeren, sprich Gott, Ausschau zu halten. Dies ist mehr als berechtigt – gerade für den Einzelnen in seiner Not. Not lehrt beten, sagte man früher.

Seltsam wird es, wenn der Ruf nach Gott einfach zu einem Teil der verstärkten Aktivitäten in der Not wird. Man fährt die Produktion gegen das Virus hoch - von was auch immer. Dieses Verhalten fordert heraus. Was denken wir von Gott und dem Virus? Welchen psychologischen Mustern erliegen wir? Welche Bilder von Gott tragen wir in uns? Wie stellen wir uns das Zusammenwirken von eigenständiger Welt unter der Ordnung der Naturgesetze und dem Helfen Gottes als Gnade vor?

Eine Tatsache sollten wir gleich klarstellen: Die Schöpfung in ihrer Ordnung, ihren Abläufen und Mechanismen funktioniert nach den Naturgesetzen, die von Gott gegeben wurden. Auch das Coronavirus und seine Verbreitung unterliegt dieser Vorgabe. Diese Wahr- und Wirklichkeit bringen uns die Fachleute aus Medizin, Biologie und anderen Wissenschaften nahe. Die Politiker lassen sich darin beraten und treffen dann für alle Entscheidungen. Diese Vorgaben sollten/müssen wir be-achten, weil wir alle unter diesen Gesetzmäßigkeiten leben. Und Gott hebt keine Naturgesetze auf – zumindest nicht vor seinem endgültigen Kommen. Was dann - kann ER uns helfen? Ja! 

Gottes Hilfe und Beistand kann zu uns über die ganz „natürlichen Wege“ der Medizin kommen, die Wissenschaftler und Mediziner, indem sie findig werden, Muster und Wege der Verbreitung erkennen oder Medikamente erzeugen können. Gott kennt die Materie. Zudem wird ER zwischen den von uns erkannten Rastern der Natur Möglichkeiten der Hilfe finden. Gott ist aber nicht einfach der Erfüllungsgehilfe unserer Erwartungen und Vorstellungen. Dem Menschen wird möglicherweise viel abverlangt, wenn er diese naturgesetzlichen Wahr- und Wirklichkeiten aushalten muss – die anthropogene Klimaproblematik allein zeigt dies schon auf.

 

In der Krise tauchen wieder theologische Bilder und Denkmuster in den Köpfen auf, die einfach archaisch sind. Wenn manche meinen, Gott müsste mit Gebeten und „Opfern“ bestürmt werden, damit ER uns gnädig helfe. Dann platzt geradezu die Frage in den Raum: Welches Bild hast du von Gott? Bringst du nicht Gott in ursächlichen Zusammenhang zum Übel, machst IHN verantwortlich dafür? Gott hätte verhindern sollen, was uns so gefährdet.  Alte Muster und Argumente brechen durch: Entweder ist ER der Verursacher oder ER konnte es nicht verhindern.  Somit wäre Gott auch böse oder Spielgefährte von Bösem oder einfach machtlos. Was für ein Bild von dem Gott, der sich dem Bösen wehrlos entgegenstellt bis in seinen eigenen Tod am Kreuz? Aber mit der Auferstehung sein Herr-Sein zeigt!

 

Wenn wir uns also in diesen Tagen und Zeiten der Corona-Pandemie verstärkt an Gott wenden, dann nicht um IHN gnädig zu stimmen – ER ist schon gnädig. Wir müssen IHN nicht zu etwas bewegen, was ER in seinem Wesen schon immer ist - Liebe. ER muss nicht erst bewegt werden. ER ist schon lange mit uns auf dem Weg. Wir haben dafür ein schönes Bild mit dem Evangelium der Jünger von Emmaus.

 

Wir können bei der Verlegenheit und Ratlosigkeit des Jüngerkreises Jesu nach seinem Kreuzestod anknüpfen. Wir befinden uns in einer sehr ähnlichen Situation; wir sind mit Gefahr und Tod kon-frontiert, ängstigen uns. Ich deute unsere Situation in der Corona-Pandemie wie Karfreitag und Karsamstag für den Jüngerkreis damals. Zugleich haben wir davon auszugehen, dass ER uns begleitet, ohne dass wir IHN erkennen. Der Sinn unseres Betens liegt also in der Bitte um fürsorgliche Begleitung Gottes. Wir bitten IHN um seine Hilfe und seinen Schutz gegen das Bedrohliche und Tödliche. Dabei stehen wir unter den naturgesetzlichen Bedingungen und Gottes Hilfe ereignet sich unter diesen – aber auch darüber hinaus in dem für uns nicht einsichtigen Bereich.

 

Nach dem Kalender befinden wir uns in der Fastenzeit. Fasten meint auch innehalten, entsagen, los-lassen, das Leben überdenken, mit Gott ins Gespräch gehen und das Gute erstreben. Die Pandemie bremst die Welt in ihrer Betriebsamkeit auf Schritttempo herab. Entschleunigung ist ein Wesenszug beim Fasten, um sichere Orientierung vornehmen zu können und Klarheit zu gewinnen – theologisch könnte das Reinigung genannt werden. Dieses Verständnis könnte für uns hilfreich sein, wenn wir die extreme Krise in Verantwortung und Gemeinsinn füreinander bewältigen würden, selbstverständlich als erstes in der Sorge um Leib und Leben, Solidarität und Hilfe für andere aber auch als Besinnung und Überprüfung unseres bisherigen Tuns. Denn wenn wir Gott um Hilfe bitten und ER uns helfen soll, dann bitte nicht in einem einfachen: „Weiter-So“ wie bisher. Wenn Gott befreit, muss der Mensch manches hinter sich lassen. Im Privaten, in der Kirche, in Staat und Gesellschaft! Denken Sie jetzt bitte nicht: Ich wollte der Pandemie einen Sinn zu schreiben. Nein – das verbietet sich!

Aber wir haben die Chance für danach, daraus Konsequenzen zu ziehen und sei es nur der Sinn, eine solidarische Gemeinschaft wieder mehr zu schätzen. Es könnte aber auch noch mehr daraus werden, wenn wir IHN nur darum bitten.

Unser „Fastenopfer“, unsere Gebete und Gottesdienste könnten die Bereitschaft anzeigen, mit Gottes Hilfe in ein „gereinigtes“ Denken, eine neue Gesinnung zu kommen, die eine Mentalität und einen Lebensstil kennzeichnet, der allen und allem zuträglich ist.

 

„Bittet und es wird euch gegeben werden“. Beten wir besonders in diesen Tagen zuhause zum verborgenen wie nahen Gott, der wie ein Vater wie eine Mutter ist. Und der nach Jesu Aussagen uns hört und gibt, was wir brauchen und noch mehr dazu. Ehrlich beten und bitten – es müssen nicht viele Worte sein, das Vaterunser genügt.

Die Glocken der evangelischen Kirche laden abends um 19.30 Uhr zum Gebet ein. Wir lassen unsere Glocken zu den üblichen Gottesdienstzeiten läuten zur Erinnerung, zum Innehalten und einem Vaterunser an Gott.

 

Heute am 25. März „feiert“ die Kirche das Hochfest der Verkündigung des Herrn durch den Erzengel Gabriel, die Ankündigung der Geburt Jesu Christi und somit der Menschwerdung Gottes. Der Immanuel, der Gott-mit-Uns, macht uns in der Besinnung auf IHN im Glauben Mut – gerade in der Krise.

Papst Franziskus und unser Bischof laden uns an diesem Hochfest ein um 12.00 Uhr innezuhalten und ein Vaterunser zu beten. In einem dreiviertel Jahr feiern wir dann Weihnachten, die Erfüllung von dem, was uns heute verheißen wird.

 

Wer Gottesdienste mitfeiern und etwas Hilfe beim Beten sucht, sei verwiesen auf das „Gotteslob“ und die in der Kirche aufliegenden Gebetsvorlagen zu den Sonntagen oder auf: 

 

www.drs.de

www.katholisch.de

www.bibelwerk.de

www.domradio.de